Anmerkungen zu „Mathias Sandorf“
Jules Verne in unserer Zeit für das Fernsehen zu
bearbeiten bringt immer ein Problem mit sich, nämlich das einer
grundsätzlichen Wahl zwischen zwei widersprüchlichen Richtungen, die bei
dem berühmten Schriftsteller zusammentreffen: ein überquellender,
fiebernder Erfindungsreichtum, der sich aus den neuzeitlichen
Wissenschaften und aus Phantasmen nährt —und
zugleich eine tief respektvolle Haltung gegenüber einer bestimmten
überlieferten Moral, charakteristisch für die bürgerliche Gesellschaft des
19. Jahrhunderts, zu der Jules Verne voll und ganz gehört. |
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Graf Mathias Sandorf und seine Frau
Rena (oben links) haben gerne Gäste in ihrem Schloß in Ungarn, zum
Beispiel die Frau des Bankiers Toronthal aus Triest (oben rechts)
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Diese Dualität spiegelt sich im gesamten Werk von Jules Verne in der Tat
vollkommen wider. Die Figuren und die Situationen sind geprägt von dieser
moralischen Sorge, die die Welt in zwei Kategorien teilt, in die Guten und
die Bösen, immer in einem sehr engen gesellschaftlichen Rahmen, in dem die
Wahrung der Formen und der didaktische Wille des Autors dominieren -
seine andere, unbewußtere Seite dagegen läßt auf dem Umweg einer
ungezügelten Phantasie die dunklen Mächte zum Ausbruch kommen, die ihn
aufwühlen und schließlich immer den vernünftigen Rahmen sprengen, den er
sich gesetzt hatte. Natürlich fesselt heute nur dieser Teil seines
Werkes unsere Aufmerksamkeit, wenn man es für ein großes Publikum
adaptieren will - der andere Aspekt
hat nur noch dokumentarischen Wert für das Verhältnis zwischen dem
Schriftsteller und der Gesellschaft seiner Zeit. Der Roman „Mathias
Sandorf“ ist ein typisches Beispiel für diese Dualität. Hier findet sich
ein etwas simpler Manichäismus, ein Erbe der Zeit: Die „Guten“ sind ganz
und gar gut; Mathias Sandorf ist ein vollkommener Edelmann, sowohl kraft
Definition als auch auf Grund eben der Tatsache, daß er zur Klasse der
Edelleute gehört; er ist loyal, den Gleichgestellten treu, gerecht und
großzügig, ein Beschützer der Schwachen, barmherzig gegen die Armen, aber
auch streng und erbarmungslos gegen jene, die die Regeln der bestehenden
Moral durchbrechen. Alle seine Freunde, wie Bathory und Zathmar, verhalten
sich ebenso.
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